Kommt die Anwendung einer "Abnehmspritze" grundsätzlich in Frage?


Die "Abnehmspritzen" sind Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt werden und auch zur Unterstützung bei Gewichtsabnahme dienen.
Drei Wirkstoffe sind aktuell auf dem deutschen Markt zur Behandlung bei Adipositas zugelassen:
Die Medikamente wirken durch die Nachahmung von Darmhormonen, die den Blutzucker senken und das Sättigungsgefühl verstärken. Studien zeigen, dass diese Medikamente eine signifikante Gewichtsreduktion unterstützen, wobei die Wirkung individuell variiert. Die Spritzen sind jedoch in der Regel für Menschen mit einem BMI ≥ 30 oder für stark übergewichtige Personen mit zusätzlichen Risikofaktoren geeignet. Nebenwirkungen können Magen-Darm-Beschwerden sein, und eine dauerhafte Anwendung ist oft erforderlich, um das Gewicht zu halten.
Was genau ist die "Abnehmspritze"?
Welche Medikamente gibt es?
Bringt sie den gewünschten Erfolg?
Für wen ist sie geeignet?
Bei den "Abnehmspritzen" handelt es sich um Medikamente mit Wirkstoffen, die auch zur Therapie des Diabetes mellitus Typ-2 eingesetzt werden. Die Präparate stehen als Injektions-Pen zur Verfügung und werden unter die Haut in Bauch, Oberschenkel oder Oberarm gespritzt. Die Medikamente, die zur Anwendung bei Adipositas in Deutschland zur Verfügung stehen, werden eingesetzt als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung, mit verstärkter körperlicher Aktivität.
Bei den Abnehmspritzen mit den Wirkstoffen Liraglutid (Saxenda®) und Semaglutid (Wegovy®) handelt es sich um sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten. GLP-1-Rezeptoragonisten sind dem menschlichen Sättigungshormon GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1) sehr ähnlich. Liraglutid und Semaglutid ahmen die Wirkung des Darmhormons GLP-1 nach. Das Hormon fördert die Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse und hemmt gleichzeitig das Hormon Glukagon, einen „Gegenspieler“ des Insulins. Liraglutid und Semaglutid senken so den Blutzuckerspiegel und verlangsamen den Transport von Nahrung durch den Magen-Darm-Trakt. Das natürliche Hungergefühl und der Appetit werden verringert, es kommt zu einem schneller einsetzenden Sättigungsgefühl, welches länger bestehen bleibt. Auf diese Weise wird die tägliche Kalorienzufuhr ohne Hungergefühle gesenkt und so eine Gewichtsabnahme unterstützt.
Den Wirkstoff Semaglutid gibt es auch unter dem Arzneimittelnamen Ozempic®. Ozempic ist allerdings anders dosiert als Wegovy und wird bei Diabetes mellitus Typ-2 angewendet. Durch die andere Dosierung ist die Spritze Ozempic zur Anwendung bei Adipositas nicht geeignet.
Bei der Abnehmspritze Mounjaro® (Tirzepatid) handelt es sich um einen dualen Wirkstoff, der einen zweiten Rezeptor im Körper blockiert. Diese Co-Therapie wirkt nicht nur auf den GLP-1-Rezeptor, wie Liraglutid und Semaglutid, sondern gleichzeitig auf den GIP-Rezeptor (GIP = Glukoseabhängiges insulinotropes Polypeptid) und hat dadurch einen zusätzlichen gewichtsreduzierenden Effekt. Direkt mit der Injektion von Mounjaro wird die Insulinausschüttung gefördert, der Blutzuckerspiegel sinkt und der Fettstoffwechsel steigt. Die Aktivierung beider Rezeptoren hat einen stärkeren Einfluss auf den Blutzuckerspiegel und reduziert deutlicher das Gewicht als die alleinige Wirkung auf den GLP-1-Rezeptor.
Tirzepatid verzögert die Magenentleerung, steigert das Sättigungsgefühl, verringert das Hungergefühl, wirkt gleichzeitig appetitzügelnd und reduziert die Nahrungsaufnahme durch Verringerung der Größe der Mahlzeiten. Durch Tirzepatid wird die Vorliebe für zucker- und fettreiche Lebensmittel verringert und die Intensität von Heißhungerattacken nimmt ab.
In Deutschland stehen folgende drei Präparate zur Anwendung bei Adipositas zur Verfügung:
Bei allen drei Präparaten wird in der Regel, zur besseren Verträglichkeit, mit der geringsten Dosis begonnen. Diese wird dann schrittweise, über mehrere Wochen, bis zur Zieldosis erhöht.

Mounjaro wird 1x wöchentlich angewendet.

Saxenda® wird i.d.R. 1x täglich angewendet.

Wegovy® wird 1x wöchentlich angewendet.
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Um wie viel Kilogramm sich das Körpergewicht mit der "Abnehmspritze" reduzieren lässt, kann von Person zu Person variieren und hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel die individuelle Reaktion auf das Medikament und inwieweit Sie Ihren Lebensstil anpassen.
Studien zeigen nach einem Jahr eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von:
Für die meisten Betroffenen ist eine dauerhafte Anwendung notwendig, um das reduzierte Körpergewicht zu halten. Wenn das Wunschgewicht erreicht ist, kann man versuchen die Dosis zu reduzieren, und schauen, ob das Gewicht bleibt.
Laut aktueller Daten ist davon auszugehen, dass es nach Absetzen der "Abnehmspritze" wieder zu einer deutlichen Gewichtszunahme kommt, da mit der Therapie nicht die Ursache der Adipositas behandelt wird. Für einen kontinuierlichen Erfolg ist es erforderlich, dass Sie Ihre Lebens- und Ernährungsgewohnheiten anpassen und nach Absetzen der Spritze diese beibehalten.
Gegebenenfalls könnte eine Intervalltherapie in Frage kommen, wissenschaftliche Daten dazu stehen jedoch noch aus.
Medikamentöse Therapien, also auch die "Abnehmspritzen", sind in erster Linie für Personen gedacht, die mit herkömmlichen Methoden zur Gewichtsabnahme, wie Diät und Bewegung, über mehrere Monate, nur begrenzte Erfolge erzielen. Leiden Sie an Adipositas, also liegt Ihr Body-Mass-Index (BMI) ≥ 30 oder sind Sie stark übergewichtig, mit einem BMI zwischen 27 und 30 und haben zusätzliche Risikofaktoren/Begleiterkrankungen, die auf das Übergewicht zurückzuführen sind? Dann kann die Abnehmspritze eine Therapiemöglichkeit für Sie sein.
Zu diesen Begleiterkrankungen zählen z. B.:
Vor dem Einsatz der "Abnehmspritze" sollten Sie sich jedoch gründlich medizinisch beraten lassen, um sicherzustellen, dass die Behandlung sicher und effektiv für Ihren individuellen Gesundheitszustand ist. Um einen dauerhaften Erfolg bei der Gewichtsreduktion von krankhaftem Übergewicht und Adipositas zu erreichen, gehört zur medikamentösen Behandlung die Ergänzung mit einem Basisprogramm, bestehend aus einer Kombination der Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Besprechen Sie die Behandlung mit der "Abnehmspritze" und die gleichzeitige Umstellung Ihres Lebensstils mit Ihrem Arzt und einem Ernährungstherapeuten, um eine auf Sie individuell angepasste Therapie zu erhalten und um mögliche Nebenwirkungen und die allgemeine Gesundheit zu überwachen.
Die "Abnehmspritze" ist also nicht für jeden geeignet. Liegt ihr Körpergewicht im Normalbereich oder sind Sie nur leicht übergewichtig, haben Sie also einen BMI unter 27, dann ist die "Abnehmspritze" nicht die richtige Option, um Ihr Wunschgewicht zu erreichen und dieses auch dauerhaft zu halten. Die Abnehmspritzen sind nicht als Lifestyle-Produkte für Menschen gedacht, die nur ein paar Kilos verlieren möchten.
Wenn Sie sich unwohl in Ihrer Haut fühlen oder befürchten, dass ihr Gewicht weiter ansteigt, dann ist mehr Bewegung und eine Ernährungsumstellung hin zu einer gesunden, ausgewogenen Kost der richtige Weg. Wenn Sie Hilfe benötigen, können qualifizierte Ernährungsberater zur Seite stehen.

Die am häufigsten auftretenden Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden. Nicht selten klagen Anwender über Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Durchfall, Blähungen, Völlegefühl, Schwindel und Erschöpfung, besonders zu Beginn der Therapie. Meist nehmen diese Begleiterscheinungen im Laufe der Therapie ab. Aus diesem Grund wird in der Regel mit einer geringen Dosierung begonnen und langsam gesteigert.
Diese unerwünschten Wirkungen auf den Magen-Darm-Trakt sind zurückzuführen auf die Wirkung des GLP-1-Rezeptoragonisten. Zur Wirkung auf den GIP-Rezeptor, sind keine Nebenwirkungen bekannt. GIP macht GLP-1 sogar verträglicher, indem es die unerwünschten Nebenwirkungen auf den Magen-Darm-Trakt abschwächt. Daher ist Mounjaro insgesamt verträglicher als Wegovy oder Saxenda.
Bei der Anwendung von Saxenda und Wegovy kann es zu Schwindel kommen. Sollte dieser Auftreten, seien Sie vorsichtig beim Führen von Fahrzeugen und dem Bedienen von Maschinen.
Zum jetzigen Zeitpunkt muss man davon ausgehen, dass die Medikamente der GLP-1-Rezeptoragonisten ein erhöhtes Risiko einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse aufweisen, zudem gibt es Hinweise, dass sie ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsenkrebs darstellen könnten.
Es fehlen noch ausreichend wissenschaftliche Untersuchungen zur letztendlichen Beurteilung dieser potenziellen Risiken beim Einsatz der Medikamente bei Adipositas.
Eher selten kommt es zu schwereren Nebenwirkungen wie Nierenproblemen, Gallensteinen oder allergischen Reaktionen.
Ein erhöhtes Risiko für Bauchspeichel- oder Schilddrüsenkrebs kann nicht vollständig ausgeschlossen werden. Wenden Sie die Abnehmspritze daher nur in Absprache mit Ihrem behandelnden Arzt an, unter Nutzen-Risiko-Abwägung und nur wenn andere Therapieoptionen ohne Erfolg bleiben.
Ein Gewöhnungseffekt oder Mangelernährung sind bei Saxenda, Wegovy und Mounjaro bisher nicht bekannt.
Mit der Behandlung verliert ihr Körper nicht nur Gewicht, es kommt durch die Reduzierung der Fettmasse auch zum Verlust der mageren Körpermasse und der Skelettmuskulatur. Wenn Sie nach dem Beenden der Therapie wieder zunehmen, wird die Skelettmuskulatur nicht automatische wieder aufgebaut.
Wer unter Völlegefühl leidet, muss mit einer verzögerte Magenentleerung rechnen. Diese, in diesem Fall durchaus erwünschte Nebenwirkung, kann allerdings die Aufnahme anderer eingenommener Medikamente beeinträchtigen. Diese Arzneimittel können möglicherweise weniger stark und/oder später wirken. Auch die Möglichkeit von Wechselwirkungen verschiedener Arzneimittel kann verändert sein. Diesen möglichen Einfluss sollten Sie unbedingt berücksichtigen, gegebenenfalls muss die Dosierung der oral eingenommen Medikamente angepasst werden.
Bei insulinpflichtigen Diabetikern kann die "Abnehmspritze" zu unvorhersehbaren Blutzuckerspitzen oder -abfällen führen. Sind Sie an Diabetes erkrankt und müssen blutzuckerspiegelsenkende Medikamente einnehmen, ist Vorsicht geboten, wenn sie zusätzlich die "Abnehmspritze" anwenden wollen. Die Diabetes Arzneimittel müssen in ihrer Dosis entsprechend angepasst werden, um sich nicht dem Risiko einer Unterzuckerung auszusetzen.
Leiden Sie an chronischen Erkrankungen und/oder nehmen Sie dauerhaft Medikamente ein, dann sprechen Sie vor der Anwendung der "Abnehmspritze" unbedingt mit Ihrem behandelnden Arzt.
Wie teuer eine Adipositas-Behandlung mit einer "Abnehmspritze" sein wird, ist schwer zu sagen. Die unterschiedlichen Arzneimittel und Dosierungen variieren im Preis. Es ist jedoch pro Quartal mit mehreren Hundert Euro zu rechnen. Zum jetzigen Zeitpunkt werden Betroffene die Kosten in der Regel selbst übernehmen müssen, sie werden nicht von den Krankenkassen übernommen.
Nehmen Sie sich in Acht, vor günstigen Angeboten aus dem Internet. Möglicherweise handelt es sich um Fälschungen oder illegale Verkäufe. Die "Abnehmspritzen" sind in Deutschland verschreibungspflichtig, also nur über Apotheken erhältlich und dürfen nur bei Vorlage eines gültigen Rezeptes abgegeben werden.
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Quellen und weiterführende Informationen:
AWMF e. V.
https://register.awmf.org/assets/guidelines/050-001l_S3_Praevention-Therapie-Adipositas_2024-10.pdf
https://register.awmf.org/assets/guidelines/050-001p_S3_Adipositas_Pr%C3%A4vention_Therapie_2019-01.pdf
Deutsche Adipositas Gesellschaft e.V.,
https://adipositas-gesellschaft.de/adipositas-medikamente-fragen-und-antworten/
Das Diabetesinformationsportal: Helmholtz Munich, Deutsches Diabetes-Zentrum und Deutsches Zentrum für Diabetesforschung
https://www.diabinfo.de/leben/typ-2-diabetes/grundlagen/adipositas.html
Medizinische Monatsschrift für Pharmazeuten
Webinar zu „GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten: Neue Einblicke in die Wirkmechanismen“, von Prof. Dr. Timo Müller, Helmholtz Zentrum München
Video zum Thema „Thesencheck: Diese 10 Vorurteile über Adipositas und die Abnehmspritze sind fragwürdig“, aus 2023, von Professor Andreas Birkenfeld, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
https://www.youtube.com/watch?v=at6SLCkH0SE
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