Pivmecillinam
Steckbrief
- Wirkstoffname: Pivmecillinam
- Wirkstoff enthalten in: Pivmelam® und X-Systo®
- Arzneimittelgruppe: ß-Lactam-Antibiotika
- Verfügbare Darreichungsform: Filmtabletten mit 400 mg
- Verschreibungspflichtig


Pivmecillinam ist ein Antibiotikum aus der Gruppe der Penicilline (Aminopenicillin-Derivat) und wird vor allem zur Behandlung von Harnwegsinfektionen eingesetzt. Es handelt sich um ein Prodrug, das im Körper zu Mecillinam umgewandelt wird. Der Wirkstoff hemmt die bakterielle Zellwandsynthese, indem er spezifisch an Penicillin-bindende Proteine (insbesondere PBP-2) bindet, was zu einer bakteriziden Wirkung führt. Pivmecillinam ist besonders wirksam gegen gramnegative Erreger wie Escherichia coli und wird daher häufig bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen (z. B. Zystitis) eingesetzt.
Pivmecillinam wird zur Behandlung von unkomplizierten Infektionen des unteren Harntrakts eingesetzt, insbesondere bei akuter unkomplizierter Zystitis. Die Anwendung erfolgt bei Infektionen, die durch Mecillinam-empfindliche Erreger verursacht werden.
Der Wirkstoff wird vor allem bei Erwachsenen angewendet und stellt eine gezielte Therapieoption für unkomplizierte Harnwegsinfektionen dar.
Bei der Anwendung sind die allgemein anerkannten Richtlinien für den rationalen Einsatz von Antibiotika zu berücksichtigen, um Resistenzentwicklungen zu vermeiden.
Pivmecillinam ist ein Prodrug, das nach oraler Aufnahme durch Esterasen im Körper zum aktiven Wirkstoff Mecillinam umgewandelt wird. Dieser gehört zur Gruppe der β-Laktam-Antibiotika und wirkt vor allem gegen gramnegative Bakterien.
Der Wirkmechanismus beruht auf der Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese. Mecillinam bindet dabei spezifisch an das Penicillin-bindende Protein 2 (PBP-2) in der Zellwand. Dadurch wird die Quervernetzung der Peptidoglykan-Strukturen gestört, die für die Stabilität der Zellwand essenziell sind. Infolgedessen kommt es zu einer Instabilität der Zellwand, osmotischen Veränderungen und letztlich zum Absterben der Bakterien (bakterizide Wirkung). Dieser Effekt tritt vor allem bei sich teilenden (proliferierenden) Keimen auf.
Durch die spezifische Bindung an PBP-2 unterscheidet sich Mecillinam von vielen anderen β-Laktam-Antibiotika, die vorwiegend an andere PBPs binden. Dadurch bestehen nur geringe Kreuzresistenzen. Zudem ist Mecillinam gegenüber vielen von Enterobakterien gebildeten β-Laktamasen stabil.
Das Wirkspektrum umfasst vor allem gramnegative Erreger wie Escherichia coli, Klebsiella spp., Enterobacter spp. und Proteus mirabilis, die häufige Auslöser unkomplizierter Harnwegsinfektionen sind.
Die Dosierung von Pivmecillinam richtet sich nach Alter und Körpergewicht.
Die übliche Dosis beträgt 200–400 mg dreimal täglich über einen Zeitraum von 3 Tagen.
Die Dosierung erfolgt gewichtsadaptiert mit 20–40 mg/kg Körpergewicht pro Tag, aufgeteilt auf 3–4 Einzeldosen. Die maximale Tagesdosis beträgt 1200 mg.
Die Tabletten sollten unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit (mindestens ein halbes Glas Wasser) eingenommen werden, vorzugsweise im Sitzen oder Stehen.
Die Einnahme unmittelbar vor dem Schlafengehen sollte vermieden werden.
Unter der Behandlung mit Pivmecillinam können verschiedene Nebenwirkungen auftreten, die unterschiedliche Organsysteme betreffen.
Häufig kommt es zu gastrointestinalen Beschwerden wie Durchfall und Übelkeit. Ebenfalls häufig können vulvovaginale Pilzinfektionen auftreten.
Gelegentlich werden Nebenwirkungen des Nervensystems wie Kopfschmerzen und Benommenheit sowie Schwindel (Vertigo) berichtet. Im Gastrointestinaltrakt können darüber hinaus Erbrechen, Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen sowie entzündliche Veränderungen wie Ösophagitis oder ösophageale Ulzerationen und Mundulzera auftreten.
Im Bereich des Blutes kann es gelegentlich zu einer Thrombozytopenie kommen. Auch immunologische Reaktionen wie anaphylaktische Reaktionen sind möglich, wenn auch selten. Zudem kann ein erniedrigter Carnitinspiegel beobachtet werden.
Weitere gelegentliche Nebenwirkungen betreffen die Leberfunktion (z. B. Erhöhung von Leberwerten) sowie die Haut, wo Hautausschlag, Urtikaria und Juckreiz auftreten können. Allgemein kann es zu Müdigkeit kommen.
Nebenwirkungen mit nicht bekannter Häufigkeit umfassen Angioödeme sowie schwere Hautreaktionen wie das Stevens-Johnson-Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse (TEN) oder Arzneimittelexantheme mit systemischen Symptomen. Zudem wurde über Clostridioides-difficile-assoziierte Kolitis berichtet.
Insgesamt gilt Pivmecillinam als gut verträglich, dennoch sollte bei Auftreten schwerer oder anhaltender Beschwerden eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Bei der Anwendung von Pivmecillinam sind einige Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln zu beachten:
Insgesamt sollte bei Kombinationstherapien eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung sowie ggf. eine therapeutische Überwachung erfolgen.
Pivmecillinam darf nicht angewendet werden bei einer bekannten Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile. Ebenso ist die Anwendung kontraindiziert bei Patienten mit Allergien gegenüber Penicillinen oder Cephalosporinen, da Kreuzreaktionen auftreten können.
Darüber hinaus sollte Pivmecillinam nicht eingesetzt werden bei Erkrankungen oder Zuständen, die den Passage durch die Speiseröhre beeinträchtigen, da dies das Risiko für ösophageale Nebenwirkungen erhöht.
Ebenfalls kontraindiziert ist die Anwendung bei genetischen Stoffwechselstörungen mit schwerem Carnitinmangel, wie z. B. Carnitin-Transporter-Defekten, Methylmalonazidurie oder Propionazidämie.
Für Pivmecillinam liegen umfangreiche Erfahrungen aus der Anwendung bei Schwangeren vor (mehr als 1.000 dokumentierte Schwangerschaftsverläufe). Diese zeigen keine Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko oder auf fetale bzw. neonatale Toxizität. Auch tierexperimentelle Studien ergaben keine Anzeichen für reproduktionstoxische Effekte.
Pivmecillinam kann daher während der Schwangerschaft angewendet werden, wenn dies klinisch erforderlich ist. Es ist jedoch zu beachten, dass eine Einnahme kurz vor der Geburt beim Neugeborenen-Screening zu falsch-positiven Ergebnissen auf Isovalerianazidämie führen kann.
Der aktive Metabolit Mecillinam geht in geringen Mengen in die Muttermilch über. Bei Anwendung in therapeutischen Dosen sind jedoch keine nachteiligen Auswirkungen auf gestillte Säuglinge zu erwarten.
Pivmecillinam kann daher während der Stillzeit angewendet werden, sofern eine entsprechende Indikation besteht. Eine besondere Überwachung des Säuglings ist in der Regel nicht erforderlich.
Bei der Anwendung von Pivmecillinam sind verschiedene Warnhinweise zu beachten:
Es wurden selten schwere kutane Nebenwirkungen (SCAR) wie das DRESS-Syndrom, Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) oder die toxische epidermale Nekrolyse (TEN) berichtet. Patienten sollten über entsprechende Symptome (z. B. Hautausschlag, Fieber, Schleimhautbeteiligung) informiert und engmaschig überwacht werden. Beim Auftreten entsprechender Anzeichen ist die Therapie sofort abzubrechen und eine geeignete Behandlung einzuleiten.
Wie bei anderen Antibiotika kann es zu einer pseudomembranösen Kolitis durch Clostridioides difficile kommen. Bei anhaltendem oder schwerem Durchfall während oder nach der Behandlung sollte diese Diagnose in Betracht gezogen und entsprechend gehandelt werden.
Pivmecillinam sollte bei Patienten mit Porphyrie nicht angewendet werden, da es akute Porphyrieanfälle auslösen kann.
Die gleichzeitige Anwendung mit Valproinsäure oder anderen Substanzen, die Pivalinsäure freisetzen, sollte vermieden werden, da das Risiko eines Carnitinmangels erhöht ist. Dies gilt insbesondere bei längerer oder wiederholter Anwendung. Mögliche Symptome eines Carnitinmangels sind Muskelschmerzen, Müdigkeit und Verwirrtheit.
Bei Einnahme kurz vor der Geburt kann Pivmecillinam im Neugeborenen-Screening zu falsch-positiven Ergebnissen auf Isovalerianazidämie führen. In solchen Fällen wird ein Bestätigungstest empfohlen.
Zur Vermeidung von ösophagealen Reizungen oder Ulzerationen sollten die Tabletten mit ausreichend Flüssigkeit (mindestens ein halbes Glas Wasser) eingenommen werden.

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Filip Blazevic ist Pharmazeut mit Schwerpunkt auf Pharmakokinetik und Cancer Biology. Mit einem analytischen Blick, viel Neugier und einem hohen Anspruch an wissenschaftliche Genauigkeit bereitet er komplexe Gesundheitsthemen verständlich und fundiert auf.
Stand: 16.02.2026

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Quellen:
Gelbe Liste: https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Pivmecillinam_26112
DocCheck: https://flexikon.doccheck.com/de/Pivmecillinam
Fachinformation: https://www.fachinfo.de/fi/detail/21922/Pivmelam-200-mg-400-mg-Filmtabletten
Pharmazeutische Zeitung: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/arzneistoffe/daten/2016/pivmecillinamx-systor102016/

Dieser Artikel dient der Erstinformation und ist kein Ersatz für eine ärztliche Diagnose und Therapieempfehlung. Konkrete Gesundheitsfragen erfordern immer eine individuelle Beratung durch Fachpersonal. Bei Fragen zu Medikamenten wenden Sie sich gerne an unser Apothekerteam.